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Aus dem Dorfarchiv

An dieser Stelle wollen wir die Besucher unserer Internetseite in unregelmäßigen Abständen über interessantes, lustiges oder kurioses aus unserem umfangreichen Dorfarchiv informieren.
In der ersten Geschichte soll aufgezeigt werden, zu welchen Kuriositäten die Bürokratie im vorletzten Jahrhundert führen konnte.
Den Personen, die glauben die heutigen Ämter und Behörden würden zu viel regeln wollen, sei ein Studium des Dorfarchívs angeraten. Danach erkennt man erst wie wenig heutzutage erhoben, kontrolliert und Berichtet wird.

 

Geflügelte Grenzzwischenfälle von anno dazumal
Der lustige badisch –hessische Maikäferkrieg mit dem Kreisrat Freiherr von Grancy

Im Jahre 1896 residierte in Heppenheim der hochwohllöbliche Herr Kreisrat Freiherr von Grancy, dem man nachsagte, er sei ein guter Freund eines noch besseren Tropfens gewesen.
Das Jahr 1896 war nun, genau wie das Jahr 1950 ein Flugjahr, d.h. im Wonnemonat Mai gab es mehr Maikäfer als den Leuten lieb war.
Zuerst zerbrach man sich bei der Großherzoglichen Regierung in Darmstadt den Kopf darüber, wie man dieser Maikäferplage Herr werden könne. Die hochherrschaftlichen Beamten besannen sich auf eine diesbezügliche Polizeiverordnung aus dem Jahre 1894 die man an die Großherzoglichen Kreisämter weitergab mit dem Hinweis, aufgrund des umfangreichen Betreffs in den Kreisen entsprechend vorzugehen.
Bei dieser Verordnung handelte es sich vermutlich um eine Regelung, die den unkontrollierten Grenzübertritt von Baden nach Hessen eindämmen sollte.
Dieser Umstand veranlasste nun unseren anscheinend nicht sehr badenfreundlichen Kreisrat Freiherr von Grancy, von sich aus zur Bekämpfung der Maikäferplage etwas zu tun.
Nach dem üblichen Hinweis auf die diesbezüglichen Polizeiverordnungen empfahl er den Bürgermeistern, Erhebungen darüber anzustellen, wie hoch die Zahl der in ihrem Bezirk eingesammelten Maikäfer sich annähernd beläuft und welche Kosten durch das Einsammeln entstehen. Die Großherzoglichen Bürgermeistereien der Grenzgemarkungen sollen ihr Augenmerk auch auf etwa aus den nichthessischen Gebietsteilen überfliegende Maikäfer richten. Hierüber ist bis zum 1 Juli Bericht zu erstatten.
Was nun der hochwohllöbliche Kreisrat Freiherr von Grancy für ein Gesicht gemacht hat, als ihm in der letzten Maiwoche des Jahres 1896 folgende Postkarte auf den Tisch des Hauses gelegt wurde, ist nicht bekannt, wohl aber der Inhalt der Karte. Darauf war zu lesen:
„Euer Hochwohlgeboren beehren wir uns ergebenst davon in Kentniss zu setzen, dass wir heute Nachmittag, allerdings bei Bensheim, ungefähr vierzig bis fünfzig Maikäfer in der Richtung nach Ihrem Kreis vorüberfliegen sahen. Leider gelang es uns trotz eifriger Bemühung nicht, den Schwarm aufzuhalten, doch konnten wir einige Nachzügler auffangen, aus deren Landesfarben -schwarz-rot- sich vielleicht Rückschlüsse auf ihre Nationalität und Provinz machen lassen dürften. Weitere diplomatische Schritte in dieser Angelegenheit müssen wir natürlich der Hohen Großherzoglichen Regierung überlassen.“
Bei diesem Text ist noch nicht gänzlich klar, ob es eine gewisse Einfältigkeit des Bürgermeisters war oder eine bewusste Verhöhnung der Obrigkeit.
Bei der nachfolgenden Rückmeldung aus Käfertal allerdings ist eine Respektlosigkeit zu spüren, die man so in der damaligen Zeit nicht vermutet hätte.
„Auf hohe Verfügung berichten wir gehorsamst, das heute Nachmittag um 3:05 Uhr
631 Maikäfer die Grenze zu passieren versuchten. Von uns angehalten und nach ihren Personalien befragt, erklärten 630, seither in Großherzoglich Badischen Wäldern gehaust zu haben, während einer unter Erröten gestand, hessischer Überläufer zu sein. Indem wir diesen letzten ohne weitere Prüfung seiner Angaben nach Heppenheim fliegen ließen, dirigierten wir die ersteren, nachdem sie auf Gemeindekosten verpflegt wurden, zurück nach Baden.
Können diese Kosten liquidiert werden?

Auf dem dritten Bericht war bildlich dargestellt, wie drei „Badische Maikäfer“ zwischen Hirschhorn und Neckarsteinach in Richtung Wald-Michelbach die badisch-hessische Grenze überschreiten. Darunter war geschrieben:
„Drei badische Maikäfer im Begriff, die Grenze zu überfliegen, entbieten dem Herrn Kreisrat ihren Gruß. Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn den.“
Es ist möglich, daß Freiherr von Grancy beim Studium dieser Berichte ein wenig über die Unsterblichkeit der Maikäfer nachgedacht hat, die aus nichthessischen Gebietsteilen herübergeflogen kamen. Jedenfalls hat er pflichtbewusst die Vorgänge aktenmäßig festgehalten, so daß uns die Möglichkeit gegeben war, zur Erheiterung seiner geplagten Nachwelt beizutragen.

Quelle Südhessische Post 04.05.1950

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